Spiel mir das Lied von der Gitarrenkiste – musikalisches Kunsthandwerk

Hobby-Kunsthandwerker Raphael Schramm
Kunsthandwerker Raphael Schramm mit einer seiner selbstgebauten Gitarren.| Fotocredits: Juliane Pröll

Ein bunter Ara breitet seine Flügel unter dem „Paradiso“-Logo aus. Unter ihm stellt eine Zeichnung Menschen mit Strohhüten bei der Tabakernte dar. Darunter prangt das Wort „Revelation“ – „Offenbarung“. Das klingt zwar geheimnisvoll, bezieht sich aber wohl eher auf den Genuß. Denn all das zeigt der Deckel einer Zigarrenkiste. Doch ihr Besitzer, Raphael Schramm, ist kein Zigarren-Liebhaber. Er ist Hobby-Kunsthandwerker und stellt Gitarren aus Zigarrenkisten her.

Gitarren aus Zigarrenkisten
Drei der vier Gitarren, die Raphael Schramm selbst gebaut hat. | Fotocredits: Juliane Pröll

Von der Idee zur Gitarre

Auf die Idee kam er durch einen Arbeitskollegen. „Ich habe die Gitarren bei einem Kollegen gesehen. Da wollte ich mir auch so eine bauen“, erzählt der 37-Jährige. Daraufhin fertigte der ehemalige Schreiner seine erste Gitarre mit einer Zigarrenkiste – einen Sechseiter. Seitdem baut er die Instrumente in seiner Freizeit. Zugute kommt ihm dabei sein Fachwissen über Holz. Mit dem Naturmaterial arbeitet Raphael Schramm schon seit er 14 Jahre alt ist. Seinem Onkel, einem Schreiner, half er bereits als Teenager in der Werkstatt aus.

Gitarre mit Paradiso Zigarrenkiste

Kleine Kunstwerke

Aber ein Instrument zu bauen, ist etwas anderes, als einen Tisch zu schreinern. Auf was kommt es also beim Gitarrenbau an? „Die Gitarre muss einem gefallen. Ich könnte sie natürlich so bauen, dass sie einfach nur spielt. Aber die Gitarren, die ich baue, sind noch kleine Kunstwerke nebenbei“, erklärt der Kunsthandwerker. Deshalb zieren die Musikinstrumente auch ungewöhnliche Dinge wie Schlüssel oder Motorradketten. „Eigentlich könnte ich jede Kiste nehmen, egal aus welchem Material, einen Hals dran machen, Saiten darüber spannen und drauf spielen – das würde funktionieren solange die Decke schwingt.“ Je nach Material klingen die Gitarren dann anders, dumpfer oder heller zum Beispiel.

Ein Schlüssel als Gitarrensteg
Ein Schlüssel wird hier als Gitarrensteg verwendet. | Fotocredits: Juliane Pröll

Die Kisten kauft er manchmal auf dem Flohmarkt oder bekommt sie vom Fachhändler. „Wenn man einen Zigarrenhändler hat, dann sammelt der manchmal auch für einen“, verrät Raphael Schramm. „Zigarren werden ja nicht so häufig geraucht.“ Die Kiste vom Flohmarkt gefällt ihm besonders gut wegen der Patina.

„Das verleiht ihr einen gewissen Charme. So etwas kann ich eben nicht nachstellen“, so der Handwerker. Er spielt selbst Gitarre und kennt sich aus mit den Ansprüchen ans Instrument. „Diese Gitarren sind vollwertige Musikinstrumente“, sagt er.

Diese Hörprobe spielte Raphael Schramm auf der braunen Gitarre.

Jimi Hendrix und die Zigarrenkisten-Gitarre

Diese Art von Gitarren wird als „Cigar-Box-“ oder „Delta-Blues“-Gitarre bezeichnet. Von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Zigarrenbox-Gitarre ein Instrument, das vor allem von Erwachsenen gespielt wurde. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde sie schließlich zu einem Instrument für Kinder. Doch wer auf so einer Gitarre spielt, befindet sich in bester Gesellschaft – egal ob alt oder jung. Berühmte Musiker wie unter anderem Jimi Hendrix oder der Texas-Blues-Sänger Sam Lightnin‘ Hopkins, spielten ebenfalls Cigar-Box-Gitarre. Hendrix zum Beispiel, baute sich als Junge eine Gitarre aus einer Zigarrenbox mit Gummibändern als Saiten.

Die Form folgt der Kiste

Für Raphael Schramm spielt die Zigarrenkiste ebenfalls eine zentrale Rolle bei der Herstellung des Instruments. Denn der Kunsthandwerker wählt zuerst die Kiste aus. Dann entscheidet er, welches Holz für das Griffbrett und den Hals verwendet wird. „Ich überlege, welche Halslänge zur Gitarre passt, wie viele Seiten sie haben soll und so weiter. Ich stelle den Plan erst im Kopf zusammen und zeichne ihn dann aufs Papier. Dann fange ich an zu bauen“, führt er sein Vorgehen aus. Für eine Gitarre veranschlagt der Hobby-Gitarrenbauer circa 30 Stunden Arbeit. Seine Zigarrenkisten-Gitarren können zudem „angestöpselt“ und verstärkt über eine Anlage gespielt werden.

Diese Hörprobe spielte Raphael Schramm auf der Gitarre mit der Flagge.

Nichts steht fest

„Was mich daran so fasziniert ist, dass nichts fest ist. Ich kann die Länge vom Griffbrett und die Form der Schalllöcher frei gestalten. Ich kann zwei oder drei Seiten ran machen und ich kann die Seitenauflage selbst bestimmen“, erklärt er. Manchmal arbeitet er an mehreren Gitarren gleichzeitig. Zum Beispiel beim Schlitzen der Bundstäbe. Den Aufbau mit dem Werkzeug für die Bearbeitung in der Werkstatt zu machen, dauert ziemlich lange. Deshalb schlitzt er beispielsweise gleich sechs Griffbretter auf einmal und macht dann den nächsten Arbeitsschritt: „Das heißt aber auch, ich muss mir über sechs Gitarren Gedanken machen: was zu welchem Instrument passt und wie es aussehen soll.“ Für jede Gitarre, so sagt er, muss er sich auf eine Linie einstellen: „Damit das Ganze dann ein Gesamtkunstwerk wird, das spielbar ist.“

Im Winter geht’s langsamer

Zur Zeit liegen drei halbfertige Gitarren in seiner Werkstatt. Die Hälse haben bereits ihre Rohform, sind aber noch nicht weiter bearbeitet. Ungefähr zwei Monate dauert die Herstellung einer Gitarre. Im Winter geht die Fertigung etwas langsamer voran, da seine Werkstatt keine Heizung hat. Eines der Instrumente kostet um die 300 Euro. Bisher stehen vier bundreine Gitarren zur Auswahl. Bundrein bedeutet, dass die Abstände der Stege genau berechnet sind. Damit spielt das Instrument immer sauber den gleichen Ton, wenn der Spieler eine Oktave höher geht. Ansonsten würde die Gitarre schief klingen. Raphael Schramm fertigt auch auf Bestellung und Kundenwunsch. Derzeit stellt er eine Gitarre her, die Ostern fertig sein soll. Das vorgegebene Thema für das Instrument: die Jahreslosung 2019.

Wer gerne eine Gitarre kaufen oder sich eine von Raphael Schramm anfertigen lassen möchte, schreibt ihm einfach eine Mail und schickt sie an: raphael.schramm@gmx.de. Weitere Beiträge und Interviews über und mit Kunsthandwerkern findet ihr in unserer Rubrik „Beiträge & Interviews“.

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