Keramikkunst – Interview mit Angela Börnicke

Angela Börnicke in Werkstatt

Angela Börnicke | Fotocredits: Juliane Pröll

Wie lange arbeiten Sie schon als Keramikerin?

Da muss ich mal rechnen. Das sind 30 Jahre oder sogar ein bißchen mehr. Am Anfang habe ich in der DDR, in einer Werkstatt in Leipzig mit der Bemalung von Keramik und dem Glasieren begonnen. Das waren die Arbeiten, die ich als Hilfskraft eben machen musste. Sauber machen und so was. Wenn die anderen gegangen waren, dann habe ich mich oft noch an die Scheibe gesetzt und probiert, was ich mir tagsüber abgeschaut habe. Ich übte vor allem das Freidrehen. Es ist total faszinierend und man wird wirklich süchtig davon. Wenn aus einem Klumpen Ton ein schönes Gefäß entsteht, dann ist das ein tolles Gefühl.

Sie verarbeiten Ton und Porzellan in Ihren Gefäßen. Haben Sie von Anfang an mit beiden Materialien gearbeitet?

Das Porzellan kam später dazu. Aber im Grunde sind Ton und Porzellan sich sehr ähnlich, im weitesten Sinne ist das ein Material. Der Unterschied ist nur, dass Porzellan sehr viel Kaolin enthält und sehr weiß ist. Beim Ton hingegen sind noch andere Minerale enthalten. Dadurch ergeben sich andere Materialeigenschaften.

Neben dem handwerklichen Können, ist Töpfern auch eine künstlerische Arbeit. Erleben Sie dabei einen Flow?

Manchmal schon. Wenn man die Technik des Freidrehens erstmal beherrscht und die Arbeit gut von der Hand geht, versinkt man schon mal in Gedanken. Alles fließt und der Ton fördert dieses Versinken in immer gleiche Bewegungen. Das bestätigen mir auch viele der Teilnehmer in meinen Volkshochschulkursen. Von ihnen höre schon mal, sie hätten um sich herum alles vergessen, was sie gerade so beschäftigte. Wenn sie dann zwei Stunden getöpfert haben, dann sind sie entspannt und zufrieden. Deswegen denke ich, das liegt wahrscheinlich in der Natur der Dinge, wie bei einem Maler auch oder einem Musiker.

Orange Keramikvase

Eine Neuinterpretation der Raku-Technik. | Fotocredits: Juliane Pröll

Sie halten Keramikkurse bei Ihnen Zuhause und an der Volkshochschule. Wie kam es dazu, dass Sie Dozentin wurden?

Nach meiner Ausbildung zur Gestalterin im Handwerk gab ich zunächst Kreativkurse, unter anderem bei der Lebenshilfe und im Walderlebniszentrum in Erlangen. Nach dem Umbau unseres Hauses standen mir helle, große Räume und eine Drehwerkstatt zur Verfügung. Das ermöglichte es mir Zuhause Keramikkurse zu geben. Ich war mir aber immer noch nicht sicher, ob ich die Fähigkeiten für eine dauerhafte Dozententätigkeit hatte. In diese Aufgabe wuchs ich nach und nach hinein. Die Kurse laufen gut, mittlerweile sind es vier bis fünf in einer Woche und ich habe sehr viel Spaß daran. Ich bekomme dort auch sehr viel Bestätigung von den Teilnehmern. Die Freude der Menschen, wenn sie selbstgeschaffene Dinge in der Hand halten, ist sehr inspirierend. Ich halte es für ein Urbedürfnis, aus diesem alten Werkstoff selbst etwas zu formen. Das Handwerk muss weiter gegeben werden, bevor wir es in unserer „Plastikwelt“ vergessen.

Haben Sie Schüler die Keramikkunst als Geschäft betreiben?

Nein, das nicht. Meistens sind es Frauen die zu ihrer Berufstätigkeit einen Ausgleich suchen, aber auch Menschen die etwas mehr Freizeit haben und Kontakte knüpfen wollen. Die Freude am Gestalten verbindet uns alle und so entstehen neue Freundschaften und gemeinsame Unternehmungen. Es sind auch junge Leute da um die Zwanzig, die arbeiten oder in der Lehre sind. Aber berufstätige Keramiker besuchen meine Kurse nicht, denn sie haben die Möglichkeit das Handwerk an der Fachhochschule richtig zu lernen. Ich habe keinen Meisterbrief, deshalb darf ich auch nicht ausbilden.

Sie arbeiten unter anderem mit der japanischen Raku-Technik. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe Raku-Gefäße auf größeren Ausstellungen gesehen oder auch in einschlägiger Literatur davon gelesen. Beigebracht habe ich mir die Technik anfangs selbst. Später habe ich noch einen Kurs gemacht bei Uta von Stengel, an der Volkshochschule in Erlangen. Danach war ich infiziert. Ich habe meinen alten, kleinen Elektroofen umgebaut und ein Loch reingebohrt. Nun konnte ich ihn als Gasofen betreiben. Die ersten Experimente gelangen schon ganz gut, doch es gab immer wieder Rückschläge. So machte ich weiter, bis es langsam besser wurde.

Raku-Gefäß in Schrank

Charakteristisch für die Raku-Technik sind die schwarz-weißen Sprünge | Fotocredits: Juliane Pröll

Unterscheidet sich die Raku-Technik von der herkömmlichen Keramiktechnik?

Raku-Keramik in großem Topf mit Sägespänen

Raku-Brennen: Das Keramikstück wird mit Sägespänen abgedeckt. | Fotocredits: Angela Börnicke

Eigentlich nicht, aber die Art des Brennens stellt gewisse Anforderungen an die Herstellung und Form des Werkstücks. Aus einem hochschamottierten Ton wird in einer der üblichen Herstellungstechniken – freier Aufbau, Drehen oder Plattentechnik – ein Gefäß oder eine Skulptur erstellt, die den Temperaturschock der Raku-Brenntechnik überstehen kann.

Bei 900 Grad wird das glühende Stück mit langen Zangen aus dem Ofen genommen und zum schnellen Abkühlen, genannt „Nachreduzieren“ in große Eimer mit Sägespänen gelegt. Durch die Nachreduktion entstehen Risse, die der Rauch des Sägemehls schwarz färbt. Auf diese Weise erhält man den bekannte Raku-Effekt mit dem Krakelee. Das ist nicht kompliziert, man muss einfach ausprobieren wie Material reagiert, wie es nach dem Brennen aussieht, welche Formen reißen und wie dick die Gefäßwände sein müssen.

Hilft Ihnen Ihre Ausbildung als Physik-Laborantin beim Experimentieren?

Chemie wäre noch günstiger gewesen, weil ich mir dann vorstellen könnte, wie Glasuren reagieren und wie ich sie leichter selbst entwickeln kann. Das sind alles so Sachen, da haben Chemiker einen Vorteil.

Worauf legen Sie bei der Arbeit besonderen Wert?

Auf die Form, auf das Zusammenspiel von Form und Glasur. Beispielsweise will ich ein Gefäß mit einer sehr schönen Form, nicht mit einem bunten Muster wieder reduzieren, sondern es so stehen lassen. Ich suche immer wieder diesen Ausgleich, frage mich, wie ein Gefäß am schönsten gelingt. Das es gute Gebrauchseigenschaften hat, ist mir auch sehr wichtig. Die Form folgt der Funktion. Wenn ich eine Tasse habe, die einen kratzigen Henkel hat oder keine schöne Stelle zum Trinken, dann ist es keine gute Tasse. Egal, wie schön sie aussieht.

Raku-Keramikschale mit Stäbchen

Der Keramikerin ist auch die Funktionalität der Gebrauchskeramik wichtig. | Fotocredits: Juliane Pröll

Sie hatten 2008 auch eine Ausstellung in Helsinki. Wie kam es dazu?

Das ist eine schöne Geschichte. In den Achtziger Jahren lernten mein Mann und ich auf einer Tramp-Tour durch Rumänien Gloria Badarau-Heikkilä in Bukarest kennen, die uns bald eine gute Freundin wurde. Sie war zum damaligen Zeitpunkt Architektin, malte sehr gut und sprach sehr gut Deutsch. Wir haben sie einige Zeit später nochmals besucht und einander jahrelang Briefe geschrieben. Als die Mauer fiel, gab es etwas später den Umbruch in Rumänien, Ceaușescu wurde gestürzt. Ab da erhielt ich keine Antwort mehr von meiner Freundin. Inzwischen weiß ich, dass sie uns nicht finden konnte, da wir von Leipzig nach Nürnberg gezogen waren. Jahre später habe ich im Internet nach ihr gesucht. Ich fand sie, sie machte eine Ausstellung in Köln. Ich habe ihr geschrieben und sie hat sich total gefreut. Sie lebt inzwischen in Finnland und hat dort geheiratet. Sie lud mich ein, mich an einer Ausstellungsreihe in Helsinki und Südfinnland zu beteiligen. Das Thema war die Geschichte „Sinuhe“ von Mikka Waltari. Ich hatte ein dreiviertel Jahr Zeit, das Buch zu lesen und Keramiken dazu zu machen. Das Leben in Ägypten während der Herrschaft Echnatons wurde dadurch sehr spannend und interessant für mich. Es entstand eine Art keramische Illustration dazu. Die beteiligten finnischen Künstler erlebte ich als sehr offen und herzlich. Im Juli 2014 haben wir wieder eine gemeinsame Ausstellung zum Thema Rumänien in der Gemeinde Kisko in Finnland eröffnet.

Von der Kunst zu leben, bedeutet immer auch einen Spagat zwischen dem kommerziellen und dem eigenen künstlerischen Anspruch. Was treibt Sie als Künstler an?

Kunst und Kunsthandwerk würde ich trennen, obwohl es natürlich auch Verbindungen gibt. Schöne Gebrauchskeramiken herzustellen, die meinen Kunden im Alltag Freude bereiten, ist schon ein Anspruch. Wenn eine Tasse von mir zur „Lieblingstasse“ von jemandem aufsteigt, freut mich das sehr. Aber natürlich reizt es mich auch, künstlerische Objekte zu kreieren wie beispielsweise keramische Bilder, Skulpturen und Objekte, die keinen Gebrauchswert in diesem Sinne haben.

Sie geben Kurse und arbeiten bereits hauptberuflich als Keramikerin. Haben Sie Pläne für die Zukunft?

Ich möchte das Material Porzellan noch besser beherrschen und große Porzellangefäße formen. Deren Reinheit und Eleganz ist einfach wunderschön. Aber auch mein Tischgeschirr „Gartenglück“ soll weiterentwickelt, ergänzt und optimiert werden. Ich könnte mir auch vorstellen neben den Märkten in Deutschland, mal auf einem Markt in Frankreich meine Keramik zu verkaufen. Weitere Ausstellungen in der Zukunft sollen folgen.

Tischgeschirr Gartenglück auf Tisch

Das Tischgeschirr „Gartenglück“ von Angela Börnicke | Fotocredits: Angela Börnicke

Mehr Infos zu Angela Börnicke und ihr Kunsthandwerk findet ihr auf ihrer Webseite. Weitere Interviews gibt es hier auf kunsthandwerk-online.com.

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